160 Seiten

24,90 €

 

Krank gespart

Wie Konzerne, Berater und Politik unser Gesundheitswesen ausbluten lassen

Von Martin Rümmele

 

Steigende Wartezeiten, unversorgte Patientinnen und Patienten, Personal am Limit, gesperrte Spitalsbetten und Klinikstationen, Lieferengpässe bei Medikamenten, enorme Verluste bei Krankenversicherungen: Was ist da los in unserem Gesundheitssystem? Und vor allem: ist das alles alternativlos oder kann man dagegen etwas tun? Mit seiner jahrelangen Erfahrung als Beobachter und Insider liefert der Gesundheitsjournalist Martin Rümmele spannende Einblicke, fundierte Analysen und Daten zu Entwicklungen im Gesundheitssystem.

 

Im dritten Rezessionsjahr in Folge ist der Spardruck im Gesundheitswesen enorm. Doch es wird an den falschen Stellen gesaprt, schreibt Rümmele. Er zeigt, woran es wirklich krankt und wie Netzwerke von Konzernen, Beratern, Lobbyisten und die Politik das Gesundheitswesen ausbluten lassen und so kräftig verdienen. Die Patient:innen und die Beschäftigten stehen dabei nicht im Mittelpunkt, sondern im Weg.

 

Folgt jetzt kein Umdenken, wird das System endgültig zu Tode gespart. Der Autor kritisiert dabei unter anderem den Spar- und Optimierungsdruck. Das Gesundheitssystem sei keine Autofabrik, wo man einfach das Fließband schneller oder im Mehrschichtbetrieb laufen lassen kann. Oder wo man allen Autos den gleichen Motor einbaut. Man könne auch das Gesundheitswesen nicht nach Kosten und Absatzzahlen bewerten. „Gesundheit und die Versorgung von Menschen funktionieren deutlich komplexer. Weil Menschen komplexer sind und weil – gerade Kranke – bedürftig sind.“

 

Rümmele hat für das Buch auch mit renommierten Praktikern wie dem deutschen Arzt und Ethiker Giovanni Maio, der schweizer Kommunikationsexpertin Sara Rubinelli, Professorin der International Association for Communication in Healthcare, Johannes Steinhart, dem Präsidenten der Österreichischen Ärztekammer und Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, sowie der Ökonomin und Care-Aktivistin Alexandra Strickner von der Plattform „fairsorgen“ gesprochen. Der Autor legt damit ein einzigartiges Buch vor, das den Lesenden ein tieferes Verständnis für die Entwicklungen im System und in der Medizin bietet. Und er zeigt Alternativen und Lösungen auf.



 

 

 

Martin Rümmele kennt das Gesundheitswesen und die Akteure im Hintergrund wie kaum ein anderer. Er ist mehrfach ausgezeichneter Gesundheitsjournalist und erfolgreicher Buchautor. Seit mehr als 30 Jahren begleitet er Entwicklungen im Gesundheitswesen für die verschiedensten Medien. Er hat in den vergangenen Jahren zudem für die Wirtschaftszeitung Medianet den wöchentlichen Gesundheitsteil „Health Economy“ aufgebaut, für Österreichs größten medizinischen Fachverlag MedMedia den Onlinekanal „Relatus“ entwickelt, und ist Miteigentümer des Redaktionsbüros „Gesund kommunizieren Media“.


Kurzinterview mit dem Autor

n „Krank gespart“ kritisieren Sie den wachsenden Spardruck im Gesundheitswesen. Derzeit stehen besonders Spitäler im Fokus? Warum ist das so?

Weil Spitäler für deren Träger – primär die Bundesländer – ein enormer Kostenblock sind und deshalb zur Hauptzielscheibe werden. Unter dem Deckmantel von „Effizienz“ werden Betten abgebaut, Stationen geschlossen und Aufgaben ausgelagert. Das führt zu einer enormen Belastung beim Personal: Pfleger:innen und Ärzt:innen arbeiten am Limit, Dienste werden verdichtet, Pausen fallen aus. Patient:innen merken das unmittelbar: Wartezeiten verlängern sich, Behandlungen werden beschleunigt, Entlassungen erfolgen früher, weil Betten gebraucht werden. Besonders chronisch Kranke und ältere Menschen spüren die Folgen. Ein System, das eigentlich heilen soll, wird dadurch selbst krank gespart. Das Problem ist nicht, dass die Gesundheitsausgaben steigen – der BIP-Anteil stagniert seit Jahren –, sondern die Einnahmen im System nicht mit den Ausgaben mithalten. Wir verstehen zudem Gesundheitsausgaben meist als Kosten und nicht als Investition – in Gesundheit, Wirtschaftsstandort und die soziale Sicherheit.

 

Sie sprechen in Ihrem Buch von einem „Spar- und Optimierungsdruck“. Warum ist dieser so schädlich?

Weil das Gesundheitswesen immer stärker nach wirtschaftlichen Kriterien funktionieren soll. Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und sogar Ordinationen müssen Kennzahlen erfüllen, Leistungsziele erreichen und Kosten senken. Menschen passen in dieses System nicht hinein – sie brauchen Zeit, Zuwendung, individuelle Entscheidungen. Doch genau das lässt sich nicht in Tabellen und Diagramme pressen. Patient:innen gelten als „unwirtschaftlich“, wenn sie komplex oder langsam zu behandeln sind, Beschäftigte als Hindernis, wenn sie Pausen, Fortbildungen oder ausreichend Personal benötigen. Man kann aber das Gesundheitswesen nicht wie eine Autofabrik betreiben. Man kann das „Fließband“ nicht einfach schneller laufen lassen und standardisierte Therapien verpassen. Gesundheit ist keine Ware, und Menschen sind keine Produktionsfaktoren. Wenn wir versuchen, Kosten und Effizienz über alles zu stellen, verlieren wir Qualität, Menschlichkeit und Vertrauen – und am Ende auch die Fachkräfte, die das System tragen.

 

Die Politik spricht von „Effizienzsteigerungen“. Was passiert, wenn man diesen Kurs weitergeht?

Das Problem liegt darin, dass Effizienz fast ausschließlich mit Einsparungen verwechselt wird. Umstrukturierungen werden genutzt, um Personal abzubauen, fehlendes Personal zu ersetzen oder Leistungen zu verdichten. Man spricht von höherer Qualität durch höhere Fallenzahlen, meint aber die Optimierung und Beschleunigung der Abläufe. Wenn zu wenig Personal da ist, leidet die Sicherheit. Wenn jeder Handgriff getaktet wird, bleibt keine Zeit für Gespräche, für Trost, für Diagnostik. Das Ergebnis ist ein Teufelskreis: Überlastete Teams wandern ab, woraufhin noch mehr eingespart wird. Für Patient:innen bedeutet das weniger Betreuung, weniger Versorgung, weniger Qualität. Wenn dieser Kurs anhält, riskieren wir ein System, das zwar effizient aussieht – aber nicht mehr heilen kann.

 


160 Seiten

24,90 €